“Deutsche Marken sollten endlich anfangen, den chinesischen Markt ernst zu nehmen”

China ist mit einem Umsatzvolumen von 560 Milliarden US$ 2015 der größte E-Commerce-Markt weltweit. Das ist bereits bekannt. Interessant ist aber, dass die Internet-penetration aktuell noch unter 50% liegt. Gepaart mit der enormen Kaufkraft der chinesischen Online-Einkäufer entsteht ein Potential, dass seitens des deutschen Handels dringend ausgeschöpft werden sollte.

So besteht eine starke Nachfrage nach westlichen Produkten: 2015 haben 36% der Online-Shopper in China Produkte aus dem Ausland gekauft. Mit Produkten Made in Germany haben hier insbesondere deutsche Händler und Marken einen großen Heimvorteil, ihre Artikel beispielsweise auf der Deutschen Mall auf Marktplätzen wie JD.com prominent zu platzieren. Das Ranking bestätigt: Nach Nordamerika und Japan ist Deutschland das drittbeliebteste Herkunftsland von importierter Ware auf JD.com.

Die Coss-Border-Handelsrichtlinien haben sich zudem deutlich zugunsten der ImportKonditionen für europäische Marken entwickelt: Freie Handelszonen mit niedrigeren Steuern und gelockerten Bestimmungen in Bezug auf den Markteinstieg sind eingeführt, und weisen deutlich geringere Hürden auf als bei der Eröffnung von eigenen Online Brand Shops oder Offline Stores.

So viel zu den Chancen. Es müsste jedoch keinen Full-Service-Dienstleister geben, wenn das Cross-Border-Handelsgeschäft nach China ein reines Wunschkonzert wäre: Europäische Händler und Marken stehen beim Handel nach China vor Herausforderungen, denen sie allein meist nicht gewachsen sind. Die strukturell bedingten Marktdifferenzen wie Sprache und mitunter grundlegend divergente Handelsmentalitä- ten sind hier die geringsten Probleme.

Asiatische Online-Shopper haben ein signifikant hohes Vertrauensbedürfnis gegenüber internationalen Händlern. Ein professioneller Marktplatz-Auftritt, überzeugende Produkt-Qualität und sichere Bezahlmethoden scheinen selbstverständlich, stellen Marken, welche aus dem Heimatland heraus operieren, jedoch vor ernsthafte Schwierigkeiten. Ebenfalls ist die richtige Preisgestaltung ausschlaggebend: Chinesen bevorzugen Rabatte. Gleichzeitig sind sie jedoch der Überzeugung, dass ein höherer Preis etwas über die Qualität des Produktes aussagt. Die Varianz je nach Produkt und Verbrauchergruppe setzt ein hohes Maß an Wissen seitens der Marken und Produzenten gegenüber ihrer Zielgruppe voraus.

Last but not least: Das Fulfillment. Denn ohne einen starken Business Backbone und eine funktionierende Logistik ist eine erfolgreiche Expansion nach China nicht möglich. Ebenso wenig ohne eine gezielte Markteintrittsstrategie und lokales Markt-Know-How. Da kann der chinesische Markt noch so boomen, ohne funktionierende Handelsstruktur trennt sich hier klar die Spreu vom Weizen.

Über den Autor: Morten Severon, Jahrgang 1973, ist seit 2011 Geschäftsführer der Zitra GmbH, einem gemeinsamen Joint Venture der Otto Gruppe und JD.com. Zuvor besetzte Morten Severon verschiedene leidende Positionen innerhalb der Otto Unternehmensgruppe in Deutschland und den USA.

 

Erschienen in der JUNI 2016 Ausgabe
Nachzulesen im Onlinehändler Magazin